Institutsgeschichte
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Institutsgeschichte

Seit Gründung der Universität Jena 1558 ist die Geschichte im Kanon der Disziplinen ein selbständiges, zentrales Fach. Es wurde von so namhaften Gelehrten wie Johann Andreas Bose (1656-1674), Heinrich Luden (1806-1847) und Friedrich Schiller vertreten. Letzterer, auf Vermittlung Goethes nach Jena berufen, begann seine vierjährige Lehrtätigkeit im Mai 1789 mit der berühmt gewordenen Antrittsvorlesung zum Thema "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?". Allerdings blieb Schiller der Titel "Professor für Geschichte" verwehrt, und die Ordinarien für Geschichte gestanden ihm nur eine außerordentliche Lehrtätigkeit ohne festes Gehalt zu.

Für die Gründung eines eigenen Historischen Seminars sorgte Johann Gustav Droysen (1808-1884), einer der bedeutendsten Vertreter der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert. Droysen verfasste während seiner Jenaer Jahre zwischen 1851 und 1859 nicht nur sein methodisches Grundlagenwerk Grundriß der Historik, sondern hielt erstmals auch Quellenübungen für fortgeschrittene Studierende ab. Während seines Ordinariats entstand auch eine geschichtswissenschaftliche Bibliothek, die den Bestand der Universitätsbibliothek ergänzte. 1881 erhielt das Historische Seminar eigene Räumlichkeiten und damit auch eine dauerhafte institutionelle Absicherung.

Jahrzehntelang zählte das Institut zu den eher kleinen in Deutschland; bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts blieb es mit nur zwei Professuren ausgestattet. Vor allem unter dem Mediävisten Alexander Cartellieri und dem Neuzeit- und Landeshistoriker Georg Mentz, die kurz nach der Jahrhundertwende antraten und bis 1935 in Jena lehrten, nahm es aber beachtlichen Aufschwung. Dass die NSDAP in Thüringen früher als in allen anderen Ländern des Deutschen Reiches die Regierung stellte, blieb nicht ohne Einfluss auf die Universität, die nach Hitlers Machtübernahme zu einer nationalsozialistischen "Musteruniversität" wurde. Führende Vertreter der "Rassenkunde" dozierten hier. Am Historischen Seminar, das 1936 um eine "Anstalt für geschichtliche Landeskunde" erweitert wurde, wirkten der Bauernkriegsforscher Günther Franz und der Mediävist Erich Maschke. Vor allem Franz stellte sich in den Dienst des NS-Regimes, war für das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS tätig und lieferte die wissenschaftliche Begleitforschung für die gewaltsame Eroberung der Ostgebiete; 1941 erhielt er einen Ruf an die Reichsuniversität Straßburg.

Während die Universitätsbibliothek bei Bombenangriffen in den letzten Kriegswochen zerstört wurde, entstand am Historischen Seminar, das seit 1936 mit seiner Bibliothek im Hauptgebäude der Universität untergebracht war, kein Schaden. Nach Wiederaufnahme des Lehrbetriebs 1946 erlebte die Jenaer Geschichtswissenschaft unter dem Neuzeithistoriker Karl Griewank, der bis 1953 hier lehrte, und dem Mediävisten Friedrich Schneider, der bis 1956 blieb, unter "bürgerlichen" Vorzeichen noch einmal eine kurze Blüte - und dies gegen wachsenden politischen Druck. Die marxistisch-leninistische Lehre setzte sich aber nach dem Ausscheiden der älteren Professorengeneration durch. Sie wurde von Max Steinmetz seit 1954 und stärker noch von dessen Nachfolger Dieter Fricke ab 1960 vorangetrieben. Wachsende politische Instrumentalisierung der Geschichte im Sinne der SED, massive ideologische Gängelung, Normierung und Verschulung der Lehre prägten die Situation. Tiefe Einschnitte brachten im Zuge der sogenannten Dritten Hochschulreform der DDR 1968/70 die Zerschlagung der Fakultäten und Institute, die Einrichtung der Sektion Geschichte mit ihren politischen Leitungsstrukturen und der Umzug in das Universitätshochhaus. Mit der räumlichen Verlagerung ging auch die Abtrennung des größten Teils der Bibliothek einher. Wissenschaftliche Leistungen dieser Jahrzehnte waren die unter Steinmetz' Leitung entstandene Jenaer Universitätsgeschichte (1958/61) und die Robert Blum-Biographie von Siegfried Schmidt (1971). Dieter Fricke baute den Schwerpunkt der Parteiengeschichtsforschung aus, dessen Ergebnisse in eine Fülle von Veröffentlichungen und in das vierbändige Lexikon zur Geschichte der bürgerlichen Parteien einflossen.

Das Ende der DDR sorgte für neue große Veränderungen. Die Sektion Geschichte wurde im Oktober 1990 aufgelöst. Mit der Wiederbegründung des Historischen Instituts, der ersten Einrichtung an der wiedererstandenen Philosophischen Fakultät, setzte ein weitgehender struktureller und personeller Neubeginn ein. 1992/93 wurden die von der Hochschulstrukturkommission Thüringen für den Neuaufbau der Geschichtswissenschaften vorgesehenen sieben Professuren neu besetzt. Eingerichtet wurden die klassischen Ressorts der Mittelalterlichen, Frühneuzeitlichen, Neueren Geschichte und Zeitgeschichte. Wieder besetzt wurden auch der bereits vor 1989 geschaffene Lehrstuhl für die Geschichte Nordamerikas und die Thüringische Landesgeschichte. 1995 konnte eine Professur für Osteuropäische Geschichte als Stiftungsprofessur des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft eingerichtet werden; bis 2007 bestand auch eine Professur für Moderne Regionalgeschichte Mitteldeutschlands. Seit 2007 hinzugekommen sind eine Professur für Westeuropäische Geschichte, ein Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit, eine Professur für Didaktik der Geschichte, ein Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte sowie eine Juniorprofessur für Intellectual History.

Unter dem Dach des Historischen Instituts werden der Bachelor Geschichte, die Lehramtsstudiengänge Geschichte für Gymnasien und für Regelschulen und der Masterstudiengang Neuere Geschichte sowie die interdisziplinären Masterprogramme Geschichte und Politik des 20. Jahrhunderts, Mittelalterstudien, Nordamerikastudien und Polenstudien angeboten. Derzeit sind am Historischen Institut etwa 1000 Studierende in Bachelor-, Master- oder Lehramtsstudiengängen eingeschrieben.